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Ein Jahr nach dem Bypass-Bilanz-Update
Ein Jahr nach dem Bypass- Bilanz
Vor einigen Tagen habe ich in großer Dankbarkeit meinen ersten, zweiten Geburtstag gefeiert.
Am 28.10.06 wurde mein RNY-Bypass ein Jahr.
Es fällt mir immer schwer zu beschreiben was sich seither alles verändert hat.
Zu vielfältig sind all die Veränderungen.
Innerlich wie äußerlich.
Die größte Veränderung, mit den weitreichendsten Folgen, ist sicher der wiedergewinn meiner Beweglichkeit. Auf allen Ebenen.
Vor der OP:
Im Herbst 2005 wog ich mehr als 212 Kilo und konnte lediglich nach der Einnahme einer ausreichenden Dosis Morphium ein paar Meter zurücklegen.
Selbst der Gang zur Toilette war eine Qual.
Meine Knie waren durch eine alte, viel zu spät behandelte Verletzung und mein jahrelanges, massives Übergewicht derart geschädigt, dass mich eine Arthrose IV Grades im linken Knie und eine Arthrose III Grades im rechten Knie massiv behinderten.
Das Ganze, gepaart mit meinem extremen Übergewicht, brachte mich auf direktem Weg in den Rollstuhl.
DAS war für mich keine Perspektive und in meiner Verzweiflung habe ich mehr als einmal daran gedacht meinem Leben ein Ende zu setzen.
Die ganze Familie hatte schwer unter meiner zunehmenden Unbeweglichkeit und meinen immer größer werdenden Depressionen zu leiden.
Wie lange konnte Frank noch die Mehrfachbelastung durch Arbeit, Kinderversorgung, Einkauf, Haushalt etc tragen?
Wie lange würden seine Arbeitskollegen die Situation noch tolerierten und "decken"?
Immer öfter musste mein Mann früher nach Hause, konnte er Dienstreisen nicht antreten etc., weil er hier so sehr gebraucht wurde.
Wie lange würde es noch dauern bis die langsam entstehenden Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern massiver und nicht mehr tolerierbar würden?
Der eine oder andere mag jetzt vielleicht denken: "Warum hat sie dann nicht endlich angefangen abzunehmen?"
So einfach war/ist es jedoch nicht.
Ich habe mein Leben lang unzählige Diäten gemacht, mehr als 10 Jahre Psychotherapie, mehrere monatelange, psychosomatische Kuraufenthalte gemacht, alle möglichen Blutwerte abchecken lassen, unkonventionelle Methoden probiert....
Doch nichts führte zu einer dauerhaften Gewichtsreduktion, sondern jedes Mal unweigerlich zu noch mehr Gewicht, als ich es schon ausgangs auf die Waage brachte.
Im Spätsommer letzten Jahres sah ich dann zum ersten mal eine Möglichkeit, welche mir helfen konnte diesem Teufelskreis zu entkommen.
Ich informierte mich eingehend zum Thema Adipositaschirurgie und kam nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss, dass ein Magenbypass für mich eine große Stütze/Krücke auf meinem Weg sein könnte.
Der Kampf um die Kostenübernahme durch die Krankenkasse war hart.
***der MDK lehnte meinen Antrag zweimal, mit der Begründung ich sei noch nicht "austherapiert", ab. Um abzunehmen, müsse ich lediglich meine Ernährung fett- und kohlehydratärmer gestalten***
Keine Sekunde zu früh, nämlich am Tag vor der Operation, lag der langersehnte Brief im Postkasten.
Dank des großen Engagements meiner zuständigen Sachbearbeiterin, hat die KK sich schlussendlich gegen die Entscheidung des MDK gestellt, und mir die Kostengutsprache gegeben.
Für den Fall dass die Kosten nicht übernommen worden wären, hätten mein Mann und meine Mutter das Geld für die Operation irgendwie zusammengekratzt.
Später hätte ich dann vor dem Sozialgericht auf rückwirkende Zahlung klagen müssen.
Frank sagte allerdings immer wieder dass er lieber mit einem Haufen Schulden lebt, als ohne mich.
Er wusste genau wie verzweifelt ich war und wie sehr die ganze Familie unter der häuslichen Situation litt.
Ich glaube dass kaum jemand, der nicht selbst einmal meiner/unserer Lage war, wirklich nachvollziehen kann wie "schwer" ein dickes Leben wirklich ist.
Wer macht sich im Alttag schon lange bevor er das Haus verlässt Gedanken wie:
Gibt es dort Sitzmöglichkeiten für mich?
Stühle ohne Armlehnen?
Stühle die mein Gewicht tragen?
Passe ich in den Sitz im Bus/Zug/Flugzeug?
Sind die Gurte auch lang genug um mich anzuschnallen?
Ist die fremde Toilette in der Wand aufgehangen, oder hat sie einen Standfuß?
Wie stabil ist die Klobrille?
Kann ich dort übernachten? Trägt mich das fremde Bett?
Woher bekomme ich Bekleidung in Größe 9xl?
Ist im Kino am Gang ein Platz frei? Wer sitzt sonst (sehr eng) neben mir?
All dies sind nur wenige der unzähligen, alltäglichen Erschwernisse als dicker Mensch.
Am schlimmsten waren jedoch immer die Tage an welchen die Blicke, das Getuschel und auch die teilweise offenen Anfeindungen und Lästereien von fremden Menschen, nicht an mir (meinem Speck) abgeprallt sind.
Manchmal habe ich mich deswegen monatelang nicht mehr, oder nur im Notfall (z.b. zum einkaufen etc.) aus dem Haus getraut.
Zwischenspiel:
Erst heute wird mir erst wirklich klar, wie massiv meine Essstörung mein Leben bestimmt hat und auch heute noch bestimmt.
Ich habe schon viele, viele Jahre zu den normalen Mahlzeiten, sehr große (doppelte) Mengen gegessen.
Zusätzlich litt ich noch unter immer wiederkehrenden (heimlichen) Essanfällen, bei welchen ich binnen kürzester Zeit große Mengen Essen in mich hineinstopfte.
Ein halbes Kilo Nudeln (Rohgewicht), inklusive einem Liter Tomatensoße und einem 500g Stück Gauda waren da nur die "Vorspeise".
Im Anschluss vertilgte ich noch ein ganzes Toastbrot, verbrauchte dazu ein ganzes Stück Butter und eine ganze Packung Scheiblettenkäse.
Der "Nachtisch" bestand aus einer ganzen Tüte Chips oder Weingummi, plus einer großen (200g) Tafel Schokolade.
Mein Operateur erzählte mir, dass mein Magen um ein vielfaches vergrößert war.
Während ein "normaler" Magen ca. 1. - 1.5 Liter Fassungsvermögen hat, hatte mein Magen zur OP gut das doppelte Fassungsvermögen.
Damit erreichte ich ein Sättigungsgefühl, gesteuert durch Rezeptoren am Magen, erst deutlich später als jemand mit normaler Magengröße.
Es entstand durch die immer wiederkehrende Überdehnung meines Magens ein Kreislauf aus immer größeren Essmengen bei "normalen" Mahlzeiten, Gewichtszunahme, zunehmender Bewegungsunfähigkeit, Frustration, Essanfällen, Depressionen etc.
Dank der Operation und der damit verbundenen, massive Verkleinerung des Magens, fallen solche Essanfälle jetzt deutlich milder aus.
Meine Essstörung begleitet mich jedoch nach wie vor.
Sie zeigt mir von Zeit zu Zeit sehr deutlich, dass sie noch da ist.
Dank einer (schon vor der OP begonnenen) Psychotherapie bei einer Therapeutin für Patienten mit Essstörungen, komme ich den Auslösern meiner Fressanfälle immer mehr auf die Spur.
Dadurch dass ich gar nicht erst die Möglichkeit habe meinen Frust "runterzuschlucken", bemerke ich viel eher wann etwas nicht stimmt.
Meine Hoffnung ist eines Tages einen Weg zu finden diesen Teufelskreis endgültig zu durchbrechen.
Nachher:
Innerhalb der letzten Monate hat sich mein Leben komplett verändert.
Vor einem Jahr lebte ich wie unter einer Specklawine.
Nichts/niemand kam wirklich von außen an mich heran, alles war "gedämpft".
Kamen einmal eigene Gefühle an die Oberfläche, wurden sie gleich durch eine neue Schicht Speck zugedeckt.
Ich war eine Gefangene in meinem eigenen Körper.
Bis heute habe ich mein Gewicht um weitere 70 Kilo reduzieren können und somit (seit 2003) insgesamt über 110 Kilo verloren.
Ich habe keinerlei Probleme mit der Nahrungsaufnahme oder der Verdauung.
Meine Blutwerte sind alle im grünen Bereich.
Zur Zeit benötige ich keinerlei Nahrungsergänzungsmittel.
Ich bin in der Lage meine Kinder und den Haushalt wieder selbst zu versorgen und sehr dankbar für jeden Schritt den ich heute ohne Schmerzen machen kann.
Der massive Gewichtsverlust hat meine Knie so sehr entlastet, dass ich heute ohne Schmerzmitteleinnahme leben kann und eine Operation (Ersatz meiner Kniegelenke) in weite Ferne gerückt ist.
Wir haben wieder ein Familienleben außerhalb dieser vier Wände und können gemeinsame Ausflüge etc. machen.
Im Frühjahr habe mir den Traum eines eigenen Fahrrads erfüllt und erfolgreich an dem großen, Hamburger Radrennen "Vattenfall Cyclassics" teilgenommen.
Viele der großen und kleinen Tücken des Alltags sind kein Thema mehr.
Klar setze ich mich noch lange nicht auf jeden Stuhl, habe ich noch immer Schwierigkeiten passende und modische Anziehsachen zu finden, ist es im Kino neben mir noch recht kuschelig etc..
Was jedoch sehr nachgelassen hat sind die Blicke und Tuscheleien von Fremden.
Inzwischen bin ich nur noch eine "normale Dicke". ;-)
Die Zukunft:
Wie wird es weitergehen?
Mein ursprüngliches Ziel, unbedingt unter 100 Kilo zu wiegen, hat sich inzwischen verändert.
Ich bin mit dem was ich jetzt erreichen konnte schon so zufrieden, dass es mir nicht mehr wichtig ist ob ich nun knapp unter oder knapp über 100 Kilo wiege.
Die Zeit der rasanten Gewichtsabnahme ist vorbei und wo sich das Gewicht letztendlich einpendelt, wird mir mein Körper zeigen.
Das wichtigste ist erreicht. LEBENSQUALITÄT!
Im nächsten Jahr werde ich dann die nächste große Sache in Angriff nehmen.
An diversen Stellen habe ich nun einen massiven Hautüberschuss, welcher sich trotz regelmäßigem Sport nicht mehr rückgängig machen lässt und mir zunehmend Probleme bereitet. Sowohl körperlich, als auch seelisch.
Das wird wohl noch einige größere und kleinere OPs mit sich bringen. Aber eins nach dem anderen. ;-)
Dankbare Grüße
Silke
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